Der neue König der Tenöre

Jonas Kaufmann hat international Triumphe in erstaunlich verschiedenartigen Rollen gefeiert. Aber als deutscher Tenor fühlt er sich natürlich besonders mit Werken in seiner Muttersprache verbunden. Nach seiner Debüt-Aufnahme bei Decca mit bekannten Arien in den drei wichtigsten Opernsprachen kehrt Kaufmann nun, musikalisch gesprochen, nach Hause zurück.

„Diese erste CD war meine Visitenkarte“, meint Kaufmann. Nun ist er bereit, sich auf bestimmte Repertoirebereiche zu konzentrieren, wobei ihm jener seiner Heimat als logischer Beginn erscheint. „Das war mein erstes Ziel bei dieser Aufnahme, eben weil ich Deutscher bin. Mit diesem Repertoire bin ich aufgewachsen, es hat mich seit der Zeit meiner ersten musikalischen Erinnerungen begleitet — man kann sagen, es steckt in meinen Genen!“

Kaufmann freut sich besonders darüber, dass er mit diesem Album auch seine Beziehung zu Claudio Abbado erneuern konnte, dessen Affinität zum deutschen Repertoire ihn immer tief beeindruckt hat. „Er ist ein äußerst passionierter Musiker,“ meint Kaufmann, „und er versucht immer, die Schichten unter der Oberfläche der Musik aufzuspüren. Dabei geht er vertraulich, nahezu schüchtern vor, doch das Ergebnis ist einzigartig — und fantastisch! Es ist, als würde er jedes Stück zum ersten Mal neuschaffen, wenn auch sehr behutsam.“ Kaufmanns Weg zur deutschen Oper begann in seiner Kindheit, als er zuhörte, wenn sein Großvater Wagner-Opern aus Klavierauszügen spielte.
„Offenbar habe ich es mir nie träumen lassen, dass ich mal Rollen von Wagner singen würde,“ so erinnert sich der Sänger. Wenn ich sie hörte, kamen sie mir immer wie brüllende Riesen vor.“ Ganz anders hat er auf Mozarts Zauberflöte reagiert: „Das ist wirklich populäre Musik, die auch von Kindern verstanden wird. Sie liegt mir im Blut und ist Teil meiner Kultur.“

Kaufmann bedenkt auch, dass „Wagner in so vielen Briefen geschrieben hat, er wünsche Legatogesang und italienische Technik. Wagner hat wunderbar für die Stimme geschrieben, aber man muss mit der gesamten Technik des besten Belcantostiles an seine Musik herangehen.“

Der Sänger sträubt sich jedoch weiterhin dagegen, sich kopfüber in die schwersten Wagnerpartien zu stürzen: „Natürlich reizen mich die großen dramatischen Wagnerrollen sehr, doch sie liegen noch weiter voraus in der Zukunft. Man wird noch ein Zeitlang auf die Siegfrieds warten müssen — und noch länger auf Tristan und Tannhäuser!“

Kaufmann erklärt, „er versuche“ mit dieser ausschließlich deutschen CD „einen Teil meiner Kultur neu zu schaffen. Das habe ich hoffentlich richtig angepackt, und hoffentlich vertraut man mir, dass ich aufrichtig in dem bin, was ich tue. Das ist für mich als Künstler das Wichtigste — nicht die Rollen zu spielen, sondern sie wirklich zu fühlen, sie zu einem Teil meiner selbst, und mich zu einem Teil von ihnen zu machen.